KATA
Disclaimer
Für den vorliegenden Text wurden unterschiedliche Quellen herangezogen und in konsolidierter Form zusammengeführt. Es besteht keine Gewähr für Vollständigkeit oder absolute inhaltliche Richtigkeit. Sollten Unstimmigkeiten, Fehler oder mögliche Fehlinterpretationen auffallen, wird um eine kurze Rückmeldung gebeten.

Allgemein
Das Wort "Kata" bedeutet „Form“ oder „Gestalt“. Das japanische Schriftzeichen setzt sich aus drei Elementen zusammen:
- Katachi („Gestalt“)
- Kai („schneiden“)
- Tsuchi („Erde“ oder „Boden“)
Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn beschreibt Kata also eine geformte, präzise strukturierte Abfolge.
Eine Kata ist eine genau festgelegte Sequenz aus Block-, Schlag- und Tritttechniken, ausgeführt in verschiedenen Ständen und in klar definierten Bewegungsrichtungen – vorwärts, rückwärts und seitlich. Anzahl, Reihenfolge und Rhythmus der Techniken verleihen jeder Kata ihren eigenen Charakter. Das Zusammenspiel aus Angriff, Verteidigung, Standarbeit, Richtung und Bewegungsfluss bestimmt ihre funktionale und technische Aussage.
Durch das Üben von Kata werden traditionelle Kampfprinzipien vermittelt und vertieft. Gleichzeitig entwickeln sich Gleichgewicht, Koordination, Atmung, Fokus und Körperkontrolle. Korrekt ausgeführt sind Kata ein umfassendes Training für Körper und Geist. Sie verkörpern das Prinzip "ren ma" – das fortwährende „Polieren“. Mit konsequentem Training werden Bewegungen verfeinert und präzisiert; die notwendige Detailorientierung fördert Selbstdisziplin.
Mit zunehmender Übung wird die Kata so verinnerlicht, dass sie ohne bewusste Anstrengung ausgeführt werden kann. Dieser Zustand wird im Zen "mushin" – „kein Geist“, frei von bewusster gedanklicher Steuerung – genannt. Was einst auswendig gelernt wurde, entsteht nun spontan und fließend.
Mas Oyama verglich Karate mit einer Sprache:
"Kihon" entspricht den Buchstaben, "Kata" den Wörtern und Sätzen, "Kumite" dem Gespräch.
Er betonte, dass es besser sei, eine Kata vollständig zu meistern, als viele nur oberflächlich zu beherrschen.
Zudem hob er drei grundlegende Prinzipien der Kata hervor:
Waza no Kankyu – Variation des Tempos: manche Bewegungen langsam und kontrolliert, andere schnell und explosiv.
Chikara no Kyojaku – Ausgewogener Kraftfluss: die Effektivität einer Technik entsteht aus dem richtigen Wechsel zwischen Spannung und Entspannung.
Iki no Chōsei – Regulierte Atmung als integraler Teil der Bewegung.
Ursprünge der Kyokushin-Kata
Die Kata des Kyokushin werden häufig in "nördliche" und "südliche" Kata unterteilt, basierend auf ihrer historischen Herkunft.
Bezüglich Kata, die im Kyokushin nicht weiter gepflegt werden, erklärte Oyama, dass nur Formen beibehalten werden, deren Techniken einen klaren Bezug zur praktischen Anwendung besitzen. Kata ohne erkennbaren Kampfbezug wurden daher aus dem regulären Curriculum entfernt.
Für das persönliche Training gilt: Die Anwendung (Bunkai) der Kata-Techniken sollte stets gesucht, verstanden und weiterentwickelt werden.
Shuri-te
Nördliche Kata
Die nördlichen Kata weisen große Ähnlichkeiten mit den Formen des Shōtōkan-Stils auf, da sie auf Mas Ōyamas Ausbildungszeit unter Gichin Funakoshi zurückgehen. Meister Funakoshi selbst leitete diese Kata aus dem Shurite-System des okinawischen Karate ab, dessen Wurzeln im nordchinesischen Kempo (Shaolin) liegen.
Die nördlichen Kata zeichnen sich durch weitreichende und ausladende Bewegungen sowie eine größere Kampfdistanz zwischen den Kontrahenten aus. Diese Charakteristik basiert auf den offenen Landschaften Nordchinas, aus denen viele ihrer Prinzipien hervorgegangen sind. Techniken verlaufen in der Regel länger, geradliniger und mit klarer Struktur im Vergleich zu den südlichen Kata.
Naha-te
Südliche Kata
Die südlichen Kata weisen deutliche Parallelen zu den Formen des Gōjū Ryū auf, da sie aus Mas Ōyamas Trainingszeit unter Nei-Chu So hervorgegangen sind. Meister So war der herausragende Schüler von Gogen Yamaguchi, dem führenden Vertreter des Gōjū Ryū in Japan. Chōjun Miyagi entwickelte diesen Stil aus dem Nahate-System des okinawischen Karate, dessen Ursprünge im südchinesischen Kempo liegen.
Die südlichen Kata sind geprägt von kompakteren, kürzeren Bewegungen und einer engeren Kampfdistanz zwischen den Gegnern. Diese Struktur basiert auf den rutschigen, feuchten Bodenverhältnissen Südchinas, die eine engere, kontrollierte Kampfweise begünstigten. Die Techniken fallen im Vergleich zu den nördlichen Kata insgesamt geschlossener, kräftiger und stärker kreisförmig aus.
Taikyoku
"Taikyoku" wird wörtlich mit „großes Ultimatives“ übersetzt; im Chinesischen werden die gleichen Kanji als "Tai Chi" ausgesprochen. Das Wort "Taikyoku" kann auch „Überblick“ oder „der wesentliche Punkt“ bedeuten – also das Ganze zu sehen, anstatt sich auf einzelne Teile zu fixieren, und einen offenen Geist bzw. den Geist des Anfängers zu bewahren. Der Anfängergeist ist das, was während des Trainings und im Leben erstrebt wird. Der Geist des Anfängers ist frei von Vorurteilen und klammert sich nicht an eine enge Sichtweise. Er ist offen für unendliche Möglichkeiten. Darum sollte ein Übender niemals denken, dass die ersten und grundlegendsten Katas an Bedeutung verlieren, sobald er zu späteren oder komplexeren Formen aufsteigt. Bewahre daher stets einen offenen Geist.
Taikyoku Sono Ichi/Ni/San
Die Taikyoku-Katas wurden Mitte der 1930er-Jahre von Gichin Funakoshi für die niedrigen Gürtelgrade entwickelt, um diese an die komplexeren Pinan-Katas heranzuführen.
G. Funakoshi: „Aufgrund ihrer Einfachheit wird diese Kata von Anfängern leicht erlernt. Dennoch ist sie, wie ihr Name schon andeutet, von äußerst tiefgründigem Charakter. Hat ein Experte die Kunst des Karate gemeistert, so wird er zu ihr zurückkehren und sie als ultimative Trainings-Kata auswählen.“
Sokugi Taikyoku Sono Ichi/Ni/San
Die drei Sokugi-Katas wurden von Sosai Masutatsu Oyama entwickelt, um die Fähigkeit der Fußtritte weiter auszubauen. Sie folgen demselben Embusen wie die ursprünglichen Taikyoku-Katas. Formal wurden sie erst nach dem Tod von Sosai Oyama in das Kyokushin aufgenommen.
Pinan
„Pinan“ bedeutet "Frieden und Harmonie" – eine Bezeichnung, die auf den Kanji-Zeichen für Ruhe und Entspannung basiert. Auf Okinawa werden diese Zeichen "Piñan" ausgesprochen, im Japanischen hingegen "Heian". Obwohl die Bewegungen der Kata kampforientierte Techniken enthalten, liegt ihr eigentlicher Zweck darin, einen ruhigen, friedlichen Geist zu fördern und Harmonie zwischen Körper und Geist herzustellen.
Pinan Sono Ichi/Ni/San/Yon/Go
Die fünf Pinan-Katas wurden 1904 von Anko Itosu, einem Meister des Shuri-te und Shorin-ryu, entwickelt und bilden bis heute eine grundlegende Säule vieler Karate-Stile.
Yantsu
Yantsu (auch Yansu) ist eine der prägnantesten und technisch anspruchsvolleren Kata im Kyokushin-Karate. Der Name basiert auf den Schriftzeichen 安 (yan – sicher) und 三 (su – drei) und wird häufig im Sinne von „Reinheit bewahren“ oder „in drei Weisen sicher“ interpretiert. Die Zahl Drei besitzt zudem besondere Bedeutung in der buddhistischen Lehre – ein Motiv, das sich auch in der dreirichtungsorientierten Struktur der Kyokushin-Version widerspiegelt.
Obwohl Yantsu ihren Ursprung im südchinesischen White-Crane-Kung-Fu hat und später in Okinawa formalisiert wurde, ist der genaue Übertragungsweg ins Kyokushin nicht eindeutig belegt. Als wahrscheinlich gilt, dass Masutatsu Oyama die Kata über Shito-ryu-Kontakte übernommen hat, insbesondere über Shogo Kuniba oder über Goju-ryu-Lehrer wie So Nei Chu oder Kōsei Kokuba, die ihn in der Nachkriegszeit beeinflussten. In Shito-ryu existiert eine längere Variante unter dem Namen Ansan, von der Oyama vermutlich die komprimierte Kyokushin-Fassung ableitete und an die kyokushin-typische Methodik – kraftorientiert, direkt, kompakt – anpasste.
Im Kyokushin bewegt sich Yantsu in drei Hauptrichtungen: nach vorne sowie jeweils zur Seite. Diese klare, dreifache Struktur unterstützt den Kernschwerpunkt der Kata: Präzision, Gleichgewichtskontrolle und strukturelle Reinheit in Technik und Übergängen. Trotz ihres relativ kurzen Umfangs gilt Yantsu als fortgeschrittene Kata; eine saubere Ausführung sagt viel über die technische Reife des Karateka aus. Die Kombination aus Zieh-, Reiß- und Off-Balance-Bewegungen, gefolgt von kraftvollen, kurzen Schlagserien, macht sie zu einer zentralen Übung für Timing, Struktur und Stabilität.
Mas Oyama soll Yantsu zu seinen bevorzugten Kata gezählt haben, weil sie in komprimierter Form fundamentale Prinzipien des Kyokushin verkörpert: Standfestigkeit, Effizienz, Reinheit der Bewegung und kompromisslose Fokussierung auf funktionale Technik.
Tsuki-No
Tsuki-no Kata ist im Kyokushin eine der zentralen Grundformen zur Entwicklung von Schlagkraft, Struktur und Standstärke. Der Name bedeutet „Kata der Fauststöße“, und genau das prägt ihren Charakter: nahezu ausschließlich Tsuki-Techniken, nur ein einziger Kick und sehr wenige Blöcke. Die Form zwingt den Karateka dazu, Stabilität, Hüfteinsatz und konsequente Vorwärtsenergie zu verfeinern – Kernprinzipien des Kyokushin.
Im Kyokushin wird die Bedeutung des Wortes "tsuki" häufig doppeldeutig verstanden: Es bezeichnet den Stoß, kann aber in anderer Schreibweise „Glück“ oder „Fortune“ bedeuten. Die Form vermittelt, dass Glück nicht passiv entsteht; jeder Stoß steht für das Durchbrechen eines Hindernisses. Die Kata ist somit ein Sinnbild für das kyokushin-typische Prinzip, Herausforderungen direkt, hart und entschlossen anzugehen.
Historisch stammt Tsuki no Kata aus dem Goju-ryu und wurde von Seigo Tada entwickelt, der Einflüsse aus dem südchinesischen White Crane verarbeitete. Über die Goju-ryu-Linien fand die Kata später ihren Weg ins Kyokushin, wo sie an die kraftbetonte, direkte Methodik des Stils angepasst wurde.
Heute dient Tsuki no Kata im Kyokushin dazu, grundlegende technische Elemente unter maximaler körperlicher Kontrolle zu üben: stabile Stände (Kiba-dachi, Sanchin-dachi, Zenkutsu-dachi), präzise Hüftrotation, lineare Kraftübertragung und mentale Entschlossenheit. Trotz ihrer scheinbaren Einfachheit gilt sie als anspruchsvolle Form, weil sie jede technische Schwäche unbarmherzig offenlegt – und damit perfekt in die Philosophie des Kyokushin passt.
Sushi-ho
Sushiho (japanisch: 五十四歩, Gojūshiho – „54 Schritte“) ist eine hochentwickelte Kyokushinkai-Kata, deren Ursprung weit in die okinawische Karate-Tradition zurückreicht. Sie ist eine stark modifizierte Form der alten Kata, die im Shotokan als Gojushiho und in anderen Stilen wie Shorin-Ryu oder Shito-Ryu unter dem Namen Useishi bekannt ist. Die Zahl „54“ besitzt im buddhistischen Kulturkreis eine symbolische Bedeutung und verweist auf geistige Reifung, Disziplin und den Weg zur inneren Klarheit.
Im Kyokushin-Karate nimmt Sushiho eine besondere Rolle ein. Trotz des ausgeprägten Vollkontaktfokus integriert Kyokushin traditionelle Kata, um technische Präzision, taktisches Verständnis und mentales Durchhaltevermögen weiterzuentwickeln. Sushiho gilt dabei als eine der anspruchsvollsten fortgeschrittenen Formen des Systems.
Kankū
Der Name "Kankū" setzt sich aus den Zeichen "Kan 観" (betrachten, blicken) und "Kū 空" (Himmel, Leere, Ursprung) zusammen und bedeutet wörtlich „in den Himmel schauen“. Diese symbolische Bedeutung wird bereits in der ersten Bewegung der Kata sichtbar: Die Hände formen über dem Kopf eine Öffnung, durch die der Übende in den Himmel – oder sinnbildlich in das Universum und die aufgehende Sonne – blickt. Dieser Gestus verweist auf Erneuerung, geistige Klarheit und die Erkenntnis, dass jede Herausforderung vor dem Hintergrund der größeren Wirklichkeit relativ wird.
Historisch stammt Kankū von der okinawischen Kata "Kūsankū" ab. In den 1930er-Jahren benannte "Gichin Funakoshi" sie im Zuge der Weiterentwicklung des modernen Karate in "Kankū" um. Gemeinsam mit "Kenwa Mabuni" trug er entscheidend zur Verbreitung der Kata im Shōtōkan- und Shitō-Ryu-Stil bei.
Im Kyokushin-Karate nimmt Kankū eine besondere Rolle ein. Obwohl Kyokushin für seine kompromisslose Vollkontakt-Ausrichtung, seine körperliche Härte und die Betonung realistischer Kampfanwendungen bekannt ist, bilden Kata einen essenziellen Bestandteil des technischen und geistigen Trainings. Kankū wurde von Ōyama aus dem Shōtōkan-Erbe übernommen und bewusst in das Curriculum integriert.
Die Kata dient im Kyokushin vor allem dazu, das Verständnis von Distanz, Rhythmus und Raumkontrolle zu schärfen sowie Explosivität, Präzision und strukturelle Stabilität zu entwickeln. Die weitreichenden, klar definierten Bewegungen der Kankū ergänzen die physische Direktheit des Kyokushin und bieten fortgeschrittenen Karateka ein umfassendes Werkzeug, um Körpermechanik, Atmung, Wahrnehmung und mentale Zentrierung zu vertiefen.
Sanchin-No
Sanchin (三戦), wörtlich „drei Kämpfe“ oder „drei Konflikte“, gilt als eine der ältesten und grundlegendsten Formen des Karate. Der Name wird traditionell auf die drei Ebenen bezogen, die in der Kata gleichzeitig entwickelt werden sollen:
- Geist, Körper und Technik,
- innere Organe, Kreislauf und Nervensystem,
- die drei Ki-Zentren – Scheitelpunkt (Nōten), Zwerchfell (Hara) und Unterbauch (Tanden).
Sanchin ist eine isometrische Kata, die mit vollständiger Körperspannung und intensivem, tiefem Ibuki-Atmen ausgeführt wird. Diese Kombination stärkt die physischen Strukturen, fördert die innere Kraft und schult die Koordination von Geist und Körper. Trotz ihrer scheinbaren Einfachheit ist Sanchin eine der anspruchsvollsten Formen, da sie jede technische Schwäche unmittelbar sichtbar macht.
Herkunft und Weg ins Kyokushin
Sanchin stammt aus dem südchinesischen Raum (Fujian), insbesondere aus dem White-Crane-System sowie verwandten Stilen. Kanryō Higaonna brachte eine Variante nach Okinawa, die später durch Chōjun Miyagi – den Gründer des Goju-ryu – weiterentwickelt wurde. Miyagi ersetzte die offenen „Speerhände“ der chinesischen Vorformen durch geschlossene Fäuste und vereinfachte die Struktur zugunsten eines direkteren, kraftorientierten Ausdrucks.
Über Gogen Yamaguchi und dessen Goju-ryu-Linie gelangte Sanchin schließlich zu Masutatsu Oyama. Aufgrund dieser tiefen Goju-ryu-Prägung integrierte Oyama Sanchin bewusst in das entstehende Kyokushin-System.
Sanchin bildet damit eine technische und philosophische Grundlage von Kyokushin-Karate. Die Kata schult Hüfteinsatz, Körperstruktur, Schlagkraft, Atmung, Fokus, Standfestigkeit und mentale Ausrichtung. Sie ist ein Fundament, auf dem die Leistungsfähigkeit anderer Kata und Kampfanwendungen aufbaut – „Sanchin ist der Regen, der alle Bäume nährt.“
Sanchin-Dachi und Strukturarbeit
Der für die Form typische Stand – Sanchin-dachi – ist fest, seitlich geschützt und für Nahdistanz sowie Kraftübertragung optimiert. Die korrekte Ausrichtung der Füße, das „Einkehren“ der Hüfte und das Verwurzeln im Boden ermöglichen kraftvolle Rotationen und eine stabile Verteidigungsstruktur. Fehler wie ein zu stark nach hinten herausgestrecktes Becken oder „X-Beine“ mindern Wirksamkeit und Schutz.
Shime-Test (Körperspannungsprüfung)
Shime dient dazu, Struktur, Spannung und Atmung während der Kata zu überprüfen. Dabei prüft ein Lehrer durch Druck, leichte Schläge oder Kicks, ob der Ausführende die korrekte Spannung, Stabilität und Konzentration hält. Ziel ist nicht Härte um der Härte willen, sondern das Aufdecken struktureller Schwächen und das Entwickeln eines belastbaren Körpers.
Sanchin no Kata ist im Kyokushin kein dekoratives Element, sondern ein zentrales Trainingsinstrument. Sie verdichtet die Grundprinzipien der Stilrichtung: harte, kontrollierte Kraft, bewusste Atmung, geistige Ausrichtung, strukturelle Stabilität und kompromisslose Präzision. Aus diesem Grund wird sie im Kyokushin – wie bereits in den okinawanischen Schulen – als eine Form betrachtet, die man lebenslang übt.
Gekisai Dai & Gekisai Shō
Der Begriff "Gekisai" (japanisch 撃塞 bzw. 撃砕) bedeutet sinngemäß „zerschlagen“, „niederreißen“ oder „eine Festung erobern“. Er setzt sich aus den Schriftzeichen "Geki" 撃 („angreifen“, „besiegen“, „bezwingen“) und "Sai" 塞 / 砕 („Festung“, „Blockade“, „zerschlagen“, „zerstören“) zusammen. In erweiterter Bedeutung kann "Gekisai" auch „demolieren“, „zerstören“ oder „pulverisieren“ heißen.
Die Zusätze "Dai" 大 („groß“) und "Shō" 小 („klein“) dienen zur Unterscheidung der beiden Kata und entsprechen funktional einer Nummerierung („größere/erste“ und „kleinere/zweite“ Form).
Ursprung und historische Entwicklung
Die Gekisai-Kata wurden 1940 auf Okinawa von "Chōjun Miyagi", dem Begründer des "Gōjū-ryū" (剛柔流), gemeinsam mit "Shōshin Nagamine" auf Basis der sogenannten "Fukyū Kata Ichi und Ni" entwickelt.
Chōjun Miyagi übernahm "Fukyū Kata Ni" als "Gekisai Dai Ichi" und entwickelte anschließend "Gekisai Dai Ni", die stärker vom "Naha-Te"-System beeinflusst ist. Der historische Kontext der Entstehung fällt in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Der Name der Kata reflektiert das damalige Verständnis von „angreifen, um den Gegner zu zerschlagen“. Ursprünglich enthielten die Kata Techniken wie "Oi-Tsuki" auf Jōdan-Höhe, was auf den Größenunterschied zwischen Okinawanern und amerikanischen Soldaten zurückgeführt wird. In der Nachkriegszeit wurde dieser Stoß in vielen Schulen auf Chūdan-Höhe angepasst.
Die Gekisai-Kata wurden bewusst so gestaltet, dass sie leicht erlernbar, klar strukturiert und dennoch kraftvoll und effektiv sind. Sie enthalten grundlegende, aber vielseitig anwendbare Techniken, die aus fortgeschrittenen Kata vereinfacht übernommen wurden. Viele Bewegungen besitzen mehrere Anwendungen (Bunkai).
Trotz ihrer Eignung für Anfänger sind die Gekisai-Kata keineswegs oberflächlich: Sie besitzen ein hohes zerstörerisches Potenzial und sind für realistische Selbstverteidigung geeignet. Wie bei allen traditionellen Karate-Kata beginnen sie mit einer defensiven Bewegung – es gibt keinen Erstangriff im Karate.
Technische Charakteristik
Beide Gekisai-Kata lehren Kraft durch fließende Bewegung, Mobilität und den gezielten Einsatz unterschiedlicher Techniken. Zentrales Prinzip ist, dass Flexibilität in Angriff und Reaktion einer starren, unnachgiebigen Kraft überlegen ist.
Die Kata gehören zur Gruppe der "Kaishō-Kata". Charakteristisch ist der Wechsel zwischen maximaler Spannung während der Technik und anschließender Entspannung. Diese Entspannung ermöglicht eine schnelle, dynamische Ausführung der nächsten Bewegung und entspricht direkt der Bedeutung von Gōjū – „hart und weich“.
Gekisai Dai und Gekisai Shō im Kyokushin Karate
Im Kyokushin Karate wurden Gekisai Dai und insbesondere Gekisai Shō maßgeblich durch Sōsai Masutatsu Oyamas Training bei Nei-Chu Sō Sensei geprägt. Sensei Sō war ein Schüler von Gōgen Yamaguchi (Gōjū-ryū) in Japan. Gekisai Dai und Gekisai Shō bilden ein fundamentales Kata-Paar im Gōjū-ryū und Kyokushin Karate. Sie verbinden einfache Struktur mit effektiver Kampfmechanik, lehren das Zusammenspiel von Härte und Weichheit und dienen als Brücke zwischen Anfängertraining und fortgeschritteneren Kata. Ihr historischer Ursprung, ihre didaktische Klarheit und ihre technische Tiefe machen sie zu einem zentralen Bestandteil traditioneller Karate-Ausbildung.
Tenshō
Bedeutung
"Tenshō" (転掌) bedeutet „drehende“ oder „rotierende Handflächen“. Der Name beschreibt die charakteristischen kreisförmigen Bewegungen der offenen Hände. Tenshō steht für das weiche Prinzip (Ju) und lehrt, Kraft über Struktur, Atmung und fließende Bewegung zu erzeugen, nicht über starre Muskelspannung.
Herkunft
Die Tenshō Kata wurde von Chōjun Miyagi, dem Begründer des Gōjū-ryū Karate, entwickelt. Ihre Wurzeln liegen in südchinesischen Kampfkünsten, insbesondere in der Rokkishu-Übung. Tenshō wurde als Gegenpol zur Kata Sanchin geschaffen und bildet zusammen mit ihr das technische und philosophische Prinzip von „hart und weich“ (Go-Jū).
Übernahme und Bedeutung im Kyokushin Karate
Tenshō wurde in das Kyokushin Karate durch Sōsai Masutatsu Oyama übernommen. Oyama integrierte Tenshō bewusst in das Kyokushin-System, um neben Härte, Kondition und Durchschlagskraft auch innere Kontrolle und technische Feinheit zu vermitteln. Im Kyokushin wird Tenshō weniger als reine Selbstverteidigungs-Kata verstanden, sondern als Schlüsselübung zur Entwicklung von Atmung, Körperstruktur und innerer Stabilität. Sie dient als Ausgleich zu den sehr kraftbetonten, linearen Techniken des Stils und unterstützt die Schulung von Körperspannung, Balance und mentaler Konzentration. Tenshō bildet damit das „weiche Gegengewicht“ zur harten Ausrichtung des Kyokushin und vertieft das Verständnis der inneren Prinzipien des Karate.
Sosai Oyama betrachtete Tenshō als eine der wichtigsten und unverzichtbaren Kata. Er sah in ihr die Essenz der kreisförmigen, punktbezogenen Techniken des Karate, in denen weiche Bewegungen mit kraftvoller Anwendung verschmelzen. Für ihn stellte Tenshō eine wesentliche theoretische und psychologische Stütze des Trainings dar, tief verwurzelt in seinem Gōjū-ryū-Hintergrund. Berühmt ist, dass er diese Kata häufig vorführte und damit ihre enge Verbindung zu den grundlegenden Prinzipien des Kyokushin eindrucksvoll demonstrierte.
Saiha
Bedeutung des Namens
"Saiha" (auch "Saifa") setzt sich aus zwei Schriftzeichen zusammen:
- Sai 砕 – „zerschmettern“, „zerbrechen“, „zerstören“
- Ha 破 (okinawanisch "Fa") – „reißen“, „durchbrechen“, „vernichten“
Zusammen wird Saiha meist mit „zerschlagen und zerstören“ oder „zerreißen und vernichten“ übersetzt. Der Name beschreibt treffend den kompromisslosen, durchbrechenden Charakter der Kata. In manchen Kyokushin-Interpretationen wird Saiha auch symbolisch mit einer „großen Welle“ assoziiert – ein Bild für das Überwinden selbst größter Hindernisse durch Entschlossenheit, Ausdauer und den Geist von *Osu*.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Wie bei vielen klassischen Kata ist der genaue Ursprung nicht eindeutig belegt. Häufig wird angenommen, dass Kanryō Higaonna die Kata aus Südchina nach Okinawa brachte, nachdem er dort ab 1867 über viele Jahre chinesische Kampfkünste studiert hatte. Nach seiner Rückkehr begründete er das Naha-Te, eine Synthese aus okinawanischen und chinesischen Techniken.
Andere Forscher vertreten die Ansicht, dass "Chōjun Miyagi", Begründer des "Gōjū-ryū Karate", die Kata in ihrer heutigen Form entwickelte. Miyagi hatte selbst in "Fuzhou" südchinesische Stile studiert, insbesondere "White Crane Kung Fu", dessen Elemente sich deutlich in Saiha wiederfinden.
Im Kyokushin Karate wurde Saiha durch Sōsai Masutatsu Oyama übernommen, dessen technische Wurzeln stark im Gōjū-ryū lagen. Innerhalb des Kyokushin besitzt Saiha einen hohen Stellenwert aufgrund ihrer praktischen Relevanz für realistische Selbstverteidigung und Vollkontaktdenken.
Saiha ist eine kraftvolle, dynamische und anspruchsvolle Kata aus der Naha-Te- und Gōjū-ryū-Tradition, die im Kyokushin Karate einen festen Platz als realistisch orientierte, südliche Kata einnimmt. Sie steht für Entschlossenheit, Durchsetzungsfähigkeit und effektiven Nahkampf.
Quellen: coming soon
Perez, F., (2020). Kyokushin - Evolution without forgetting tradition.
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